OLEC kritisiert Energiekonzept

Das Ende September veröffentlichte Energiekonzept der Bundesregierung will bis 2050 die Weichen für den Einstieg in das Zeitalter regenerativer Energien stellen. Sie sollen die tragende Säule im Energiemix der Zukunft sein. Tatsächlich wird ihr Ausbau drastisch nach unten gefahren. Der Oldenburger Energiecluster OLEC kritisiert die Entwicklung und fordert Perspektiven.
Verkauft wird das Energiekonzept als Grundlage für den Aufbruch hin zu einer der modernsten Volkswirtschaften der Welt. Die Bausteine dafür sind neben längeren Laufzeiten für Atomkraftwerke, die Gebäudesanierung, die Energieeffizienz, ein forcierter Netzausbau oder mehr Forschung für Speichertechnologien und Elektrofahrzeuge (siehe “Energiekonzept Kompakt“). Tatsächlich steht Deutschland mitten in einem Systemkonflikt zwischen dezentraler Energieerzeugung auf der einen sowie konventionellen Kraftwerkskapazitäten und einer zentral organisierten Netzstruktur auf der anderen Seite. Jahrelang wurden erneuerbare Energien gefördert, ohne dass der Netzausbau hinterherkam. Inzwischen werden Windparks in ganzen Regionen abgeschaltet oder heruntergefahren, weil die Stromnetze verstopft sind und konventionelle Kraftwerke sich kaum regeln lassen. In den norddeutschen Bundesländern gibt es jetzt schon aufgrund des starken Zubaus von Windkraftanlagen ein Überangebot an Strom.
Damit hängt die Entwicklung erneuerbarer Energien samt Wertschöpfung und Arbeitsplätzen am schleppenden Netzausbau. Dabei zieht die Politik mit ihrem Konzept zu Gunsten der großen Energieversorger die Reißleine, stellt erneuerbare Energien hinten an und will zuerst das Netzproblem lösen. Offen ist nur wie. Schon 2005 wurde der Bedarf an neuen Leitungen auf 850 Kilometer taxiert. Gebaut wurden aber bis heute nur 90 Kilometer, weil die Genehmigungsverfahren zwischen acht und zehn Jahren dauern und in der Bevölkerung kaum Akzeptanz für neue Freileitungen vorhanden ist. In ihrer neuen Studie kommt die Deutsche Energieagentur dena zu dem Schluss, dass 3.500 Kilometer an neuen Trassen notwendig sind, um den regenerativen Energieumbau zu schaffen. „Das Netz ist kein deutsches, sondern ein europäisches Problem. Die offene Frage ist, was bis zu einer Lösung passieren soll. Dabei werden zwei Dingen nicht erwähnt. Zum einen muss die dezentrale Energieerzeugung enger an den Verbrauch vor Ort gekoppelt werden. Das würde die Netze ein Stück weit entlasten und wäre im Sinne einer dezentralen Erzeugung nur logisch. Wie das geht, zeigen wir gerade in dem Projekt eTelligence in Cuxhaven. Zum anderen wird überhaupt nicht berücksichtigt, dass sich bestehende Trassen durch zusätzliche Leitungen ausbauen und so deutlich optimieren lassen. Dieses Potenzial liegt völlig brach“, erläutert Dr. Ulrich Focken, Geschäftsführer von Energy & Meteo Systems und Vorstandsmitglied des regionalen Energienetzwerks OLEC. Und der Netzkonflikt wird sich weiter verschärfen. In den norddeutschen Bundesländern sind zurzeit 38 Kraftwerke mit einer Leistung von jeweils mehr als 100 MW am Netz und weitere 14 vornehmlich an den Küsten in Planung. Genau dort soll auch der Strom aus der Windenergie vom Meer ankommen und in den Süden transportiert werden. „Das kann nicht funktionieren“, macht Focken deutlich.
Wohl auch deshalb gehen die drei von der Bundesregierung beauftragten Institute in ihren Prognosen für das Energiekonzept 2050 von einem deutlich geringeren Zubau erneuerbarer Energien aus als deren Verbände oder es die aktuellen Zahlen wiederspiegeln. Rechnet man alles zusammen, reduziert sich der Ausbau bis 2020 für Windenergie um 65 Prozent, für Photovoltaik um 75 und Bioenergie um 85 Prozent. Bis 2050 tendiert der Ausbau gegen Null, obwohl dann laut Politik 80 Prozent des Bruttostromverbrauches aus regenerativen Quellen stammen. Zwar wird der Bioenergie politisch einiges zugetraut, der Tenor liegt aber darauf, dass die heimischen Potenziale durch Naturschutz und Flächenkonkurrenz begrenzt sind. Dafür soll die Effizienz steigen: „Ohne Konkurrenzen zu anderen Interessen könnten für Biogasanlagen zwei Millionen Hektar Land genutzt werden. Im Moment sind es gerade einmal 0,6. Das korrespondiert nicht mit den reduzierten Zielen. Wir müssen jetzt die positiven und nachhaltigen Seiten der Bioenergie herausstellen“, fordert Johannes Gehlenborg, Gesellschafter von biogas weser-ems und Mitglied im Firmenbeirat des Fachverbandes Biogas. Die Idee der Politik, verstärkt Rest- und Abfallstoffe zu nutzen, hält er für kaum umsetzbar „Ein Großteil dieser organischen Abfälle wird von Entsorgungsbetrieben kompostiert, und die haben langfristige Konzessionsverträge abgeschlossen“, sagt er. Die für Biogasanlagen nutzbaren verbleibenden Abfälle würden bereits vergärt. Somit sei auch dieses Potenzial nicht mehr vorhanden. Umso erstaunlicher ist es, dass von den bundesweit acht Millionen Tonnen vorsortierter organischer Reststoffe nur zehn Prozent energetisch genutzt werden, obwohl über die Hälfte der Kommunen die grüne Tonne eingeführt hat. „Hierdurch wird eigentlich deutlich, dass die Abfälle aus der grünen Tonne aufgrund von Störstoffen nur mit einem enormen technischen Aufwand energetisch genutzt werden können“, so Gehlenborg.
Hart trifft es die Photovoltaik, welche im Energiekonzept gar nicht mehr gesondert aufgeführt wird. Sie verursacht bis zu 40 Prozent der Kosten für erneuerbare Energien, hat aber nur einen Anteil von neun Prozent am grünen Strom. Mit einem sogenannten „atmenden Deckel“ und einer Mengensteuerung soll die Förderung abhängig von der Marktentwicklung um bis zu zwölf Prozent jährlich sinken. Mit Folgen: „Eine Kürzung war sicherlich überfällig, ist in dieser Konstellation aber ein schlechtes Signal für den deutschen Markt. Unternehmen werden kostengünstiger arbeiten oder einen Teil ihrer Geschäfte ins Ausland verlegen müssen“, prognostiziert Ralf Krallmann, OLEC-Vorstand und Mitgeschäftsführer der Rasteder InnoFerm GmbH. Um Arbeitsplätze und Wertschöpfung zu halten, müssten die Modulpreise so tief sinken, dass sich die Rendite aus der Förderung wieder rechnet. „Darauf setzen wir, weil das Energiekonzept überhaupt keine Alternativen aufzeigt. Etwa den Eigenverbrauch oder nachbarschaftlich genutzte Anlagen stärker zu fördern. Die Branche braucht sinnvolle Konzepte“, erläutert er.
Konkret umreißt Ubbo de Witt, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des OLEC und Geschäftsführer der Projekt GmbH, kritische Aspekte auch für den Offshore-Bereich, der mit dem beschlossenen Kreditprogramm über fünf Milliarden Euro auf den ersten Blick zu den Gewinnern des Energiekonzepts zu zählen scheint: „Die ersten zehn deutschen Offshore-Windparks kommen in den Genuss zusätzlicher Förderung. Zu befürchten ist, dass davon vor allem wiederum die Projekte profitieren, die ihre Finanzierung auf die Energieversorger stützen, denn die sind jetzt erst recht finanziell flüssig.“ Damit hätten andere Entwickler Nachteile: „Wer wie wir mit Sandbank 24 auf eine unabhängige Finanzierung setzt, wird mit Vorhaben konfrontiert, die es diesen Investoren gerade schwer machen. So werden künftig zum Beispiel Genehmigungen nur verlängert, wenn die Investoren konkrete Realisierungsschritte nachweisen. Derlei Nachweise setzen die Finanzierung voraus, die man gerade zu realisieren versucht. Diese Problematik kennen wir schon von der Bereitstellung der Steckdose auf See“.
Clustermanagerin Maike Behrendt ist sich trotz aller Kritik sicher: „Die Unternehmen im Nordwesten, von denen sich ein Großteil im OLEC zusammengeschlossen hat, werden wie sonst auch Wege finden, wie sie mit den Vorgaben der Bundesregierung kreativ und innovativ umgehen können. Über die Mitgliedschaft im Bundesverband Erneuerbare Energie werden wir die Entwicklungen weiter verfolgen und uns an den Diskussionen beteiligen.“

Energiekonzept kompakt

Die energetische Sanierung von Gebäuden soll von einem auf zwei Prozent steigen, deren Kosten auf Mieten umlegbar und mit ökonomischen Anreizen gefördert werden. Im Vorfeld des Energiekonzeptes wurde die Förderung zur Gebäudesanierung aber reduziert.

Energieeffizienz soll das wichtigste Kriterium für öffentliche Ausschreibungen werden. Steuervergünstigungen auf die Ökosteuer erhalten Betriebe ab 2013 nur noch, wenn sie über ein Energiemanagementsystem Einsparungen nachweisen. Das gilt nach gültigem Recht aber nur ab einem Stromverbrauch von 10 GW. Extreme Stromverbraucher sind von der Ökosteuer ausgenommen. Geld für mehr Energieeffizienz soll ab 2011 aus einem Fonds kommen. Die Höhe ist offen.

Erneuerbare Energien sollen wirtschaftlicher und kosteneffizienter werden. Das soll den Druck auf Innovationen erhöhen und Kostensenkungen bringen. Die durch erneuerbare Energien eingesparten Kosten für vermiedene Umweltschäden etc. sind im Energiekonzept nicht berücksichtigt. 2010 werden rund 8,2 Mrd. Euro an Fördergeldern gezahlt. Der dezentrale Ausbau bringt Städten und Gemeinden 2010 aber eine Wertschöpfung von 6,8 Mrd. Euro. Dies hat das Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung ausgerechnet.

Die Bundesregierung will den Netzausbau beschleunigen und prüfen, ob und wie das erreicht werden kann. Sie will die Informationsoffensive „Netze für eine umweltschonende Energieversorgung” starten. Ein zehnjähriger Ausbauplan soll mit allen Netzbetreibern abgestimmt und verbindlich ins Gesetz geschrieben werden. Für intelligente Netze (Smart Grids) sollen die gesetzlichen Grundlagen geschaffen werden und ab 2011 verbrauchsabhängige Tarife für Verbraucher Pflicht sein.
Den Ausbau erneuerbarer Energien will die Politik kosteneffizient vorantreiben. Vor allem die Offshore-Windkraft profitiert mit einem Kreditprogramm in Höhe von fünf Mrd. Euro. Ein Teil der aus der Kernenergie abgeschöpften Gewinne soll in den neuen „Energie- und Klima-Fonds“ fließen. Wie viel Geld im Topf sein wird, lässt die Regierung offen.

Erhalten Sie viermal jährlich unseren Infobrief! Wir informieren Sie darin
über interessante Neuigkeiten aus unserem Energienetzwerk, der Energiebranche und der Region.
Anmelden


Oldenburger Energiecluster
OLEC e.V.
Marie-Curie-Straße 1
26129 Oldenburg
Telefon 0441-361 16 565